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Paleomythos: Kartoffel ist nicht paleo

kartoffelIch möchte hier mit ein paar komischen Paleomythen aufräumen. Wie ich schon in meinem ersten Artikel „Was ist Paleo?“ erklärt habe, ist für mich ein Lebensmittel nicht paleo weil es vor mehr als 100.000 Jahren konsumiert wurde oder nicht. Für mich ist ein Lebensmittel paleo, wenn es zur Maximierung der Mikronährstoffe bei optimaler Makrostoffzusammensetzung und zur Minimierung von giftigen oder gesundheitsschädigenden Substanzen beiträgt und gleichzeitig möglichst regional, ökolgisch, unverarbeitet ist und / oder aus artgerechter Haltung stammt. Dass ein Snickers nicht paleo ist, dürfte jedem klar sein. Das gilt auch für die Tütensuppe, die Packung Salzstangen oder die Flasche Cola. Was ist aber mit Lebensmitteln, die in der Paleoszene als „verboten“ gelten, keiner aber ganz ganau erklären kann, warum sie es eigentlich sind.

Was ist z.B. mit der Kartoffel?

Ich hatte bereits mehrere Gespräche mit Bekannten, die sich neuerdings für die Paleoernährung interessieren oder sie gar befolgen. Eine Unterhaltung ging so:

Nach einem anstrengenden Workout unterhielt ich mich mit einem Trainer und wir gingen Optionen für das „auswärts Essengehen“ durch. Einer meiner Vorschläge war in ein Steakhaus zu gehen und dort zum Steak eine Ofenkartoffel mit Kräuterbutter zu bestellen. Im gleichen Atemzuge betonte ich noch, dass es ja leider nicht so ideal sei, weil  man ja nicht wüsste, woher das Fleisch stamme und es für mich deshalb nur in großen Ausnahmefällen in Frage käme. Zu meiner Überraschung juckte die Fleischfrage meinen Gegenüber kein bisschen. Bei dem Wort Kartoffel zuckte er aber zusammen und  sagte empört aber auch belehrend zugleich:

„Nein ich esse keine Kartoffeln! Die sind nicht paleo“.

Ich blieb ganz ruhig und fragte nach „Warum sollen Kartoffeln nicht paleo sein?“.

„Weil sie Nachtschattengewächse sind!“ antwortete er ganz stolz.

„Ja da hast du Recht. Kartoffeln sind Nachtschattengewächse, aber warum ist das schlimm?“

„Weil sie Saponine haben!“ Ich konnte förmlich sehen, wie er vor Stolz platzte, weil er wusste, dass es Saponine gibt.

Ich konnte mir ein Grinsen nicht verübeln, blieb dennoch ganz ruhig und bohrte neugierig nach „Aber isst du nicht auch Tomaten, Auberginen und Paprika?“

Er schaute total entgeistert, weil er meine Frage mit der Unterhaltung davor gar nicht im  Zusammenhang bringen konnte „Klar esse ich die! Wieso?“

„Na, weil sie auch Nachtschattengewächse sind und Saponine enthalten.“

Große Augen beim Gegenüber. Sprachlosigkeit.

Ich finde es ja super, wenn sich Menschen mit Ernährung auseinander setzen und die Entscheidung, sich paleo zu ernähren, ist ein super Weg etwas für seine Gesundheit zu tun. Was ich aber nicht wirklich verstehe ist, wenn man alles einfach so blind übernimmt. Dann ist man nicht besser, als all die anderen Menschen, die blind den „low-fat“ Empfehlungen der deutschen Gesellschaft für Ernährung folgen.

Aber was kann denn die Paleoszene dazu veranlasst haben sich so gegen das „Lieblingsgemüse“ der Deutschen zu stellen?

Was sind Nachtschattengewächse?

Ich möchte jetzt nicht in die botanische Erklärung abgeben, denn die würde hier zu weit gehen. Jeder kann sie z.B. in Wikipedia oder einem Botanikbuch seiner Wahl nachlesen. Wenn wir aber im Rahmen der Ernährung über die Probleme mit Nachtschattengewächsen sprechen, so sind meistens die Früchte, Samen oder Knollen dieser Pflanzen gemeint wie z.B. eben die Kartoffel, die Aubergine, Tomate, Paprika, Chilli usw. Das problematische daran sind wohl die Saponine. Genauer gesagt die Glycoalkaloide, eine Unterart der Saponine. Bei Menschen mit Entzündungen der Darmwand oder mit einer Autoimmunerkrankung können Glycoalkaloide die Durchlässigkeit der Darmwand erhöhen und somit zu einem Leaky Gut führen. 1) Patel B et al.: Potato glycoalkaloids adversely affect intestinal permeability and aggravate inflammatory bowel disease. Inflamm Bowel Dis. 2002 Sep; 8:340-6 2) Gee JM et al.: Effects of saponins and glycoalkaloids on the permeability and viability of mammalian intestinal cells and on the integrity of tissue preparations in vitro. Toxicol In Vitro. 1996 Apr;10:117-28

Außerdem können sie die Immunantwort des Körpers verstärken und einen Autoimmunprozess in Gang setzen. Wenn Saponine in die Blutbahn gelangen, weil z.B. ein leaky gut vorliegt, können sie zur Zerstörung der roten Blutkörperchen führen.

Der größte Anteil an Saponinen sitzt in der Kartoffelschale und ist vermehrt in rohen Kartoffel enthalten. Wird sie gekocht und geschält (egal in welcher Reihenfolge) so reduziert sich der Saponinanteil auf ein ziemlich geringes Maß von 27-42 mg auf 100 g.

Übrigens gibt es verschiedene Arten an Saponinen und nicht alle sind gleich problematisch. So ist z.b. im Spargel je nach Sorte bis zu 80 mg Saponin auf 100 g enthalten und somit um ein vielfaches mehr als bei Kartoffeln.3) opus4.kobv.de/opus4-tuberlin/files/791/schwarzbach_anita.pdf

Allerdings gehört Spargel nicht zur Nachtschattenfamilie und die Art an Saponinen scheint auch bei Autoimmunerkrankten nichts auszumachen.

Dennoch macht es für bestimmte Menschen Sinn auf Kartoffeln, Tomaten und andere Nachtschattengewächse zu verzichten (Stichwort Autoimmunerkrangungen). Aber solange die Person weder eine Autoimmunerkrankung noch Probleme mit Kohlenhydraten hat, weil sie weder diabetisch ist, noch aus welchen Gründen auch immer ketogen leben möchte/muss, gibt es keine wirklich logischen Gründe auf die Knolle zu verzichten.

Die Zusammenfassung: Wenn die Kartoffel gekocht (oder gebacken) und ohne Schale verzehrt wird, hat sie keinerlei Nachteile im Vergleich zu Süßkartoffeln oder anderem Gemüse. Einzig und allein Menschen die eine mögliche Autoimmunerkrankung haben, sollten sie wegen der Nachtschattenproblematik aus ihrer Ernährung eliminieren. Dann müssen sie das aber auch für die anderen Mitglieder der Nachtschattenfamilie tun und auch auf Tomaten und Co verzichten.  Am Ende läuft es doch darauf hinaus, dass jeder für sich selber herausfinden muss, was er verträgt und was nicht. Das geht nur mit einer Auschlussdiät, bei der erst alle potentiell unverträglichen Lebensmittel rausgenommen werden und erst nach und nach wieder eingeführt werden. Vermutet man bei sich eine Autoimmunerkrankung, so empfehle ich das Autoimmunprotokol von Sarah Ballentine (aka the paleomom). Ist man aber gesund, oder bemerkt keine Unverträglichkeit gegenüber Kartoffeln, so macht es keinen Sinn, sie aus seiner Ernährung zu streichen und noch weniger Sinn macht es, wenn man im gleichen Zuge Tomaten, Paprika und andere Nachtschattengewächse drin lässt.

Letzte Woche habe ich einen Artikel im paleo-magazin gelesen, der meine Argumente ganz gut zusammen fasst und sogar weiterführt. Neben der Nachtschattenfrage geht es auch noch u.a. um die Faktoren: Kohlenhydrate und Glyckemischer Index von Kartoffeln, ihre Nährstoffzusammensetzung und ihr Vitamin- Mineralstoff und Aminosäurenprofil im Vergleich zu Süßkartoffel.4) http://paleomagazine.com/why-arent-potatoes-paleo/ Und heute kam die “Absolution” für die Kartoffel! Die Autoren vom berühmten “Whole 30″ Paleoprogramm haben die Knolle mit auf den Speiseplan zurückeingeführt5) http://whole30.com/2014/07/new-whole30/ ! In diesem Sinne: Ran an die Kartoffel!

Quellen

1.
 Patel B et al.: Potato glycoalkaloids adversely affect intestinal permeability and aggravate inflammatory bowel disease. Inflamm Bowel Dis. 2002 Sep; 8:340-6
2.
 Gee JM et al.: Effects of saponins and glycoalkaloids on the permeability and viability of mammalian intestinal cells and on the integrity of tissue preparations in vitro. Toxicol In Vitro. 1996 Apr;10:117-28
3.
 opus4.kobv.de/opus4-tuberlin/files/791/schwarzbach_anita.pdf
4.
 http://paleomagazine.com/why-arent-potatoes-paleo/
5.
 http://whole30.com/2014/07/new-whole30/
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Roxi Rox

Hej! Ich bin Roxi und lebe seit 2006 weitgehend getreidefrei und bin seit Oktober 2012 Paleo / Primal. Ich liebe es zu kochen, zu fermentieren und auch zu essen. Meine Ernährung ist für mich keine Religion. Ich glaube nicht einfach blind, sondern hinterfrage viel.
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